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Plus Size international: Der kulturelle Vergleich



Das Streben nach einem schlanken Körper scheint mittlerweile in den meisten westlichen Kulturen ein unanfechtbares Schönheitsideal zu sein. Von der medialen Welt wird man regelmäßig mit Werbungen für alle möglichen Diätprogramme wie Weight Watchers bombardiert. Vor allem in Europa scheint sich der Zwang zum Schlanksein mittlerweile zu einem festen kulturellen Bestandteil etabliert zu haben. Nur wer schlank ist, gilt scheinbar als schön. Doch ist das wirklich in allen Kulturen so oder sind diese Ideale nur rein westliche Phänomene?
internationale Flaggen

Bildquelle: ©istock/123ArtistImages

Übergewicht als Statussymbol & Schönheitsideal

China – Hast du schon gegessen?

Vom westlichen Schlankheitswahn zeigen sich die Chinesen gänzlich unbeeindruckt. Nach dem Motto „Getting rich and eating out“ wird die üppige Esskultur hier als Statussymbol gefeiert. Wer es sich leisten kann, geht prinzipiell auswärts und in Gesellschaft essen – ganz nach dem Motto: „Sag mir, mit wem und wie Du isst, und ich sage Dir, wer Du bist“ (Quelle).

So wundert es auch nicht, dass man sich unter Freunden und Verwandten in China zu jeder Tageszeit mit einem freundlich auffordernden “ni chi le ma ?” begrüßt – was so viel heißt wie: „Hast Du schon gegessen?”. Dabei ist dieser Gruß viel mehr als bloß eine Aufforderung zum Essen. Er kann als Zeichen tiefster Vertrautheit interpretiert werden. Durch diese scheinbare Floskel signalisiert man dem Begrüßten unterschwellig, dass man mit diesem selbst das Essen teilen würde. Denn das gemeinsame Teilen der obligatorischen „Schale Reis“ zählt in China als absoluter Freundschaftsbeweis. Essen in China ist also nicht nur ein wichtiger Aspekt für Leib und Seele, sondern vor allem auch für die Gesellschaft.

Asiatische Kinder beim Essen

Bildquelle: ©istock/Anetta_R

Afrika – Je üppiger desto begehrter!

„Big Hips, Big Bums“ – dieses lebensfrohe Motto begegnet einem in Ugandas Hauptstadt Kampala. Doch auch in vielen anderen Teilen Afrikas gilt Leibesfülle sowohl für Männer als auch für Frauen als absolutes Schönheitsideal. Hiermit wird nämlich nicht nur Wohlstand sondern auch Gesundheit assoziiert. Mit der Üppigkeit steigen demzufolge auch die Chancen auf dem Heiratsmarkt vor allem für die Männer, denn anhand dieses Merkmals sieht die Frauenwelt: „Der hat es zu was gebracht und kann eine Familie ernähren!“ (Quelle). Weniger begehrt dagegen sind schlanke Formen, die in Verbindung mit Krankheit und Armut gebracht werden(Quelle). Kein Wunder also, dass die urbane Mittelschicht in Afrika vor allem eine Vorliebe besitzt für Bier und gebratenes Fleisch, denn nur so kann die Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt am effektivsten ausgestochen werden.

Obststand in Afrika

Bildquelle: ©istock/Goddard_Photography

Drei Inseln der Superlative: Zelebriertes Übergewicht im Südpazifik

Karte von Ozeanien

Geographische Aufteilung Ozeaniens. Bildquelle: Holger Behr at en.wikipedia/ commons.wikimedia.org

Vollkommen unbeeindruckt vom westlichen Magerwahnsinn zeigen sich einige Inseln Ozeaniens. Nur wenige Bewohner der südpazifischen Inselwelt empfinden sich selbst als zu dick. Im Gegenteil: Üppigkeit wird in vielen dieser Regionen sowohl bei Männern als auch bei Frauen als ausgesprochen schön empfunden (Quelle). Nicht im Traum würden die Insulaner also daran denken, etwas an ihrer fröhlichen Esskultur zu ändern. Angesichts der reichen, exotischen Essensvielfalt dieser traumhaften Inselstaaten ist das kein Wunder. Denn wer könnte schon einem paradiesischen Schlaraffenland am himmelblauen Meer unter Palmen und strahlender Sonne widerstehen?

1. Nauru:

Nicht umsonst gilt Nauru als das Land mit den meisten Übergewichtigen (Quelle). Laut Statistik hatten im Jahr 2007 rund 80 Prozent der Männer einen BMI von über 30. Der Grund für die weit verbreitete Körperfülle ist in der skurrilen Historie der Insel zu finden. In den 70er Jahren kam Nauru nämlich zu plötzlichem Reichtum durch Vogelkot. Wie man dadurch reich werden kann? Nun, unter dem Tropenklima Naurus bildete der Kot Calciumphosphat, ein beliebtes Düngemittel, das zu damaligen Zeiten sehr rar und daher auch extrem kostbar war. Was folgte, waren die goldenen Jahre Naurus, in denen sich der Wohlstand vor allem im Bau unzähliger Restaurants und Supermärkte äußerte. Diese Vielfalt an neuen Essensmöglichkeiten wurde umfangreich von den Nauruanern genutzt. Leider war der Geldsegen nicht von Dauer – geblieben ist jedoch bis heute die leidenschaftliche Esskultur der Inselbewohner (Quelle).

2. Tonga:

Eine besonders hedonistische Essenskultur wird in Tonga zelebriert. Üppige Buffets und Feste mit einer Vielzahl an exotischen Köstlichkeiten wie Meeresfrüchten, frittierten Hühnchen, Oktopussen, Kokosmilch und Süßkartoffeln sind hier an der Tagesordnung. Ein wahres Essensparadies, deren Versuchungen sich verständlicherweise wohl kaum einer entziehen kann. Kein Wunder also, dass westliche Schönheitsideale á la Size-Zero und Hollywood-Magerwahn hier weitgehend ignoriert werden(Quelle). Rund 58 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen in Tonga weisen eine BMI weit über 30 auf (Quelle).

Feiernde Leute in Tonga

Bildquelle: ©istock/Donyanedomam

3. Cook-Islands:

Ein wahrer Überfluss an kulinarischen Highlights ist auch auf den Cook-Islands zu finden, der sich ebenso an dessen Bewohnern abzeichnet. Doch nicht nur die Nahrungsvielfalt ist sehr beeindruckend, die sich vor allem an der reichhaltigen Fülle an tropischen Früchten sowie massenhaft schmackhaften Tieren wie Schweinen, Ziegen und Hühnern zeigt. Auch die Gastfreundschaft der kräftigen Inselbewohner, die Touristen gerne an ihren köstlichen Inselspezialitäten teilhaben lassen, ist in diesem Essensparadies einzigartig. Denn hier wird nicht nur leidenschaftlich gerne gekocht, sondern auch gerne mit Gästen aus aller Welt bei gutem Essen gefeiert. (Quelle)

 USA: Land der unbegrenzten (Essens-)Möglichkeiten

Der American Way of Life steht für Individualismus, Optimismus und Freiheit. Das Lebensmotto in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten heißt: Einfach zu sich selbst stehen und das Leben in vollen Zügen genießen – und das nicht zu knapp! Das spiegelt sich auch in der Esskultur wider. All you can eat- und XXL-Restaurants mit riesigen Essensportionen gehören hier zum Standard. Während man bei den vergleichsweise bescheidenen Portionen in vielen europäischen Restaurants im wahrsten Sinne des Wortes die Erbsen zählen kann (absoluter Vorreiter: Frankreich), so muss sich in den USA keiner darum sorgen, beim Dinieren im Restaurant oder auch in der Imbiss-Bude nicht satt zu werden. Hollywood-Trends á la Low Carb und Size Zero werden vom Großteil der „normalen“ amerikanischen Bevölkerung zwar durchaus wahrgenommen, aber ansonsten eher ignoriert. Verständlich, denn Schlankheitszwang und kontrollierte Mahlzeiten im Miniformat verderben nicht nur den Spaß am Essen, sondern letztlich auch den Spaß am Leben. Mit dem typischen American Way of Life hat das nicht mehr viel zu tun.

 
Amerikanische Flagge mit Essen

Bildquelle:©istock/Pichunter

Size Acceptance Movement und Fat-Studies

Für die Ideale der typischen amerikanischen Lebensart kämpfen auch die Mitglieder der „Size Acceptance Movement“. Hier geht es in erster Linie um die gesellschaftliche Freiheit aller Körperformen – egal ob dick oder dünn. Denn schließlich macht Amerika nicht nur die Vielfalt an ethnischen Gruppen aus, sondern gerade auch die Vielfalt an Körperformen. Gewicht spielt in den USA also keine Rolle, hier wurde längst erkannt: Die Basis für wahres Glück liegt in der Akzeptanz anderer und vor allem in sich selbst (Quelle).

Amerikanische Flagge vor Universität

Bildquelle: ©istock/ shari11126

Die Aktivisten der Size Acceptance Bewegung sind mit ihrer stolzen „Übergewichtig –na und?“-Botschaft mittlerweile sogar bis in die akademische Welt hervorgedrungen. Junge übergewichtige Akademiker an US-Unis kämpfen nun für die Etablierung des Studienfachs Fat-Studies. So beschäftigt sich dieses mit dem gesellschaftspolitischen Aspekt des Dickseins. Im Endeffekt erfolgen also wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den ästhetischen, ethischen und politischen Bedeutungen, mit denen das Dick-sein assoziiert wird und den Gründen für diese Zuschreibungen. Vergleichbar mit den Gender-Studies geht es also darum gesellschaftliche Rollenverteilungen zu hinterfragen, zu entlarven und auf diesem Wege diskriminierende Konventionen aufzubrechen. Diese Weise des Kampfes gegen die Stigmatisierung des Übergewichts in der Gesellschaft empfinden viele Studenten wie die Doktorandin Stefanie Snider, die an einer Fat-Studies-Dissertation arbeitet, als regelrechte Befreiung: „Ich bin mein Leben lang dick gewesen und ich habe es als echte Befreiung erlebt, mich auch in meiner wissenschaftlichen Arbeit mit einem Thema zu befassen, das mir gesellschaftspolitisch äußerst wichtig ist.“ (Quelle)

Übergewicht als Freiheits-Metapher in der afro-amerikanischen Popkultur

Nicht nur gegen die Ausgrenzung Übergewichtiger, sondern sogar für eine Emanzipation des Dickseins als Freiheits-Metapher, dafür plädieren auch einige übergewichtige Künstler der schwarzen Popkultur. Einer der Vorreiter dieser Künstlerbewegung ist Cee-Lo Green, eine Hälfte des Hiphop-Duos Gnarls Barkley. In dem Hit „Go-Go Gadget Gospel” besingt dieser stolz seine üppigen Formen mit den Zeilen: „Shapeless, formless / Heart is enormous / I’ve born this, I’ve worn this“. Denn künstlerische Exzellenz ist schließlich nicht abhängig vom Körperbau. Ein eindeutiger Beweis dafür ist die lange Ahnenreihe legendärer schwarzer übergewichtiger Künstler wie der unvergessene Soulsänger Barry White oder auch Notorious B.I.G., der wohl bedeutendste Rapper der 90er Jahre. (Quelle)

Gnarls Barkley bei einem Auftritt in Melbourne

Gnarls Barkley, Melbourne 2007. Bildquelle: Scott Sandars at en.wikipedia/ commons.wikimedia.org